Nikola Šop

 


DER REGENSCHIRM

Ich kenne einen Mann, der mir so einsam wie ich erscheint,
und der verlassen in diesen Tag seine Schritte legt,
und der auch nach dem Regen, wenn die Sonne wieder scheint,
seinen Regenschirm noch immer offen trägt.

Ich möchte auf ihn zugehen und ihm sagen: Menschenskind,
was hast du denn, wo willst du hin, und wo wohnst denn du?
Schau, die Sonne scheint und brennt, die Luft ist so klar und lind.
Mach zu deinen großen schwarzen Schirm, mach zu.

Doch ich halte inne und folge ihm, durch den hellen Tag.
Die Passanten bleiben stehen und lachen ihn heimlich aus.
Und ich höre plötzlich, über seinem schweren Schirmbelag,
ein Rauschen. Ein uralter, kalter Regen gießt sich aus.

Ich gehe ihm nach, folge seinem dunklen Schatten.
Lausche seinem Schritt und seines alten Stockes Klopfen.
Und spüre etwas auch auf meine Schulter fallen.
Vergangener Leiden bleierne Tropfen tropfen.

Schon regnet’s, und es rascheln um meinen Hut die trock’nen Kränze.
Es gießt, es gießt, und ich beschleunige den Schritt.
Immer schwerer ergießen sich die Strahlen alter Schmerzen.
Ihre Flut nahm schon meine Hutkrempe mit.

Es fließt an mir herunter, und jener Fremde kehrt gelassen,
zu sich nach Hause, unter seinem Schirm.
Es strömt von mir herunter, ach, hat mich mein Glück verlassen?
Es strömt, es strömt! Wo ist mein Regenschirm?


(Ins Deutsche übertragen von Anton und Stjepan Adrian Kostré)  



WOHIN ICH JESUS FÜHREN WÜRDE

Gütiger Jesus, zu dieser späten Stunde hier,
wenn deine Armen immer noch wachen,
zum einfachen Schneider bring‘ ich dich, um dir
einen gewöhnlichen Anzug zu machen.

Und zum kleinen Schuster, der mit spitzen Nägeln
die ganze Nacht hindurch beschlägt die harten Sohlen.
Während Schuhfabriken hämmern unentwegt,
und Millionen Paare in einer Stunde besohlen.

Danach zu dem Menschen, bei dem die Hüte entstehen,
mit tiefer Krempe. Sie soll den Schmerz verdecken.
Einer wird schräg auch auf deinem Kopf sitzen.
Breit genug sogar, um deine Aureole zu bedecken.

Dann nehme ich dich mit in die Kneipe vor der Stadt.
Die ähnelt einem alten, gestrandeten Kahn,
wo unsere Brüder, ihres Elends satt,
die Gläser und Hüte zu Boden werfen dann.

Der erste Hahnenschrei wird ein scharfer Pfeil sein,
der das Blut aus deinem Herzen fließen läßt hernieder.
Verfinstern deinen Verstand wird der zweite Schrei.
Weder Menschen noch Sachen erkennen wirst du wieder.

Und hörst du den dritten Hahnenschrei erschallen,
o Jesus, taumeln wirst du vor Pein.
Dein Hut wird vom Kopf dir fallen.
Dein Hut, und der Heiligenschein.



(Ins Deutsche übertragen von Anton und Stjepan Adrian Kostré)  



DIEBESJAGD

Unsichtbar steigt er durch das Schlüsselloch herein
und macht sich in dem tiefen Sessel breit.
Er flüstert, bitter lächelnd und düster schauend drein:
Ruhe, Kristalle! Ihr Pokale, schweigt!

Durch die Zauberkraft seines fiebrigen Blickes läßt er sie wecken
die träumenden Sachen, die in toter Stille schliefen ein.
Und sie steigen von den Wänden, kriechen aus den Ecken,
und sinken, wie erlahmt, in seine Hand hinein.

Der Rauch seiner Zigarre steigt vom Tisch hinauf
während er die Sachen dreht, und müßig absetzt, Stück für Stück.
Und schreit eine dumpf vor Entsetzen auf
so wird fest vom Mächtigen sie umklammert und erdrückt.

Die toten Sachen liegen überall herum um ihn.
Umgeworfen, erstarrt, und wie aus Wachs so kalt.
Lautlos wie die Schlange gleitet er dahin,
auf der Jagd nach jener, die so prachtvoll strahlt.

Er schwebt durch die Wohnung und lauscht wie gebannt
und lockt: Erscheine! Erstrahle. Erstrahle du Schöne!
Wie ein eisiger Tropfen berührt der Morgen seine Hand.
Halt, Sonne! Bleib stehen! Schweigt! Schweigt, ihr Hähne!


(Ins Deutsche übertragen von Anton und Stjepan Adrian Kostré)  



HÄUSCHEN IM ALL


I.


Sie pendeln allein durch die Bläue.

Einander nähern und voneinander entfernen sie sich.
In zufälliger Begegnung,
vom Winde angeweht,
beklopfen sie einander.

Ihre Berührung hört sich wie das Erbeben von Walnußschalen an.

In der Berührung der Fenster,
berühren sich zwei benachbarte Gesichter.
Ein Nu ist alles.
Auch der Kuß und der Händedruck
des Geliebten und der Geliebten.

Und Ade!
Und bis zur baldigen Begegnung wieder,
nach dem endlosen Kreisen in Äonen.


III.


Einräumen im All.

Wie aufgewühlt noch alles ist,
alles prallt aufeinander.

Rand auf Rand.

Worauf aufhängen jetzt die irdischen lieben Bilder?
Die Andenken.

Es gibt keine Wand.

Doch langsam,
klapp vorsichtig diese festen Deckel der Truhen auf.
Entfliegen wird alles.
Hier werden Sachen anderer Bauart gesucht,
nicht irdische jene, klein und verstaubt.

Gesucht werden Sachen mit anderem Gleichgewicht.

Sachen die schwerelos und besitzerlos sind.
Und harmonisch, die fliehen nicht.


XVI.


Doch, was ist denn das, ihr unerwarteten Gäste?
Was sehe ich nur?

Jemandem hier ist irdisch nach Schlafen schon.
Sein Kopf wankt.
Es ist wohl jener, der,
verborgen in seiner Tasche,
trägt die irdische Uhr.

Schau an, schau an, wie tief er schläft.
Ihm schlug bestimmt irgendeine eigene Mitternacht.

Hört! Still!
Er stammelt dazu wirr.
Seltsam.

Wie kam dieser Nachzügler in diese Räume?
Wie kam er,
mit sich bringend hierher
seine Schwere und Träume?

Auf Phaethons Wagen, flüsterst mir zu,
du, die du dich zu meiner Rechten wiegst.


XVII.


Ja.
Auf Phaethons Wagen kam der Ungebetene.
In irgendeiner Ecke fand er den zertrümmerten Wagen,
doch beflügelt noch.
Und auf diesem kam er,
führte über seine alte, irdische Einrichtung
alle Sachen.
Und meint,
sich mit diesen hier wiegen zu können
im Gleichgewicht.
Sich wiegen zu können, mit ihnen,
mit diesen alten
Lasten, Besitztümern, Gestalten.

Sprich leiser.
Schau dir diesen Schläfer an,
wie er sich wiegt,
als fühlte er die neue Harmonie.

Schweig. Rede nicht.
Sammle leise alle seine Sachen auf.
Lade sie auf den Wagen und ihn obendrein.

Und laß ihn stürzen auf die Erde zurück,
in den Hades hinein.


(Ins Deutsche übertragen von Anton und Stjepan Adrian Kostré)


© Adrian S. Kostré